Der Wikinger-Mythos

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Der Wikinger-Mythos

Beitrag von heiko am 31/7/2014, 16:35

Was die Wikinger nicht sind - aber für was sie gehalten werden
Eine knappe Geschichte des Wikinger-Mythos in unserer Kultur, oder:
Woher kommt eigentlich der Wikinger-Mythos?
Ich habe mich mal mit dem Wikinger-Mythos beschäftigt, weil ich mir die Frage stellte, woher denn eigentlich dieses so abweichende Bild der Wikinger herkommt. Auch in den DSA-Quellenbüchern sind die Thorwaler ja eher die Wikinger aus dem Mythos, als die aus der Geschichtsforschung. Also hab ich mal hier einiges zusammen getragen, damit mir mal klarer wird, was die Wikinger nicht sind und woher das kommt, um später herauszufinden, was die Wikinger sind. Meine Erkenntnisse möchte ich euch nicht vorenthalten…

Im frühen Mittelalter denkt man an die Wikinger vor allem mit Angst und Schrecken. A furore Normannorum libera nos, Domine. „Befreie uns, Herr, vom Zorn der Normannen!“ – ist ein Gebet englischer Mönche im 8. und 9. Jahrhundert, die Gott um Hilfe vor den Überfällen der Normannen anflehten.
Doch schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts erstrahlt die Wikinger-Zeit in einem neuen Licht. In schwülstiger lateinischer Sprache verfasst Saxo, mit Beinamen Grammaticus (=„der Gelehrte“, so genannt wegen der unüblich geschliffenen Sprache, in der er schrieb), ein Däne von ritterlicher Abkunft und Schreiber des Bischofs Absalon (Axel) von Roeskilde, um das Jahr 1200 die erste Historie seiner Heimat, die Gesta Danorum (Die Taten der Dänen). Die 16 Bände der Gesta Danorum gelten als eine der wichtigsten Quellen für die frühe dänisch-nordische Geschichte und als bedeutendes Zeugnis für die Verarbeitung dänisch-nordischer Götter- und Heldensagenüberlieferung im Rahmen einer „Nationalgeschichte“. Aus der realen Wikingerzeit sind nur wenige Quellen überliefert, das lässt ihm viel Raum für Wunschdenken. Saxo schreibt eine von glorreichen Herrschern geprägte Erfolgsgeschichte, in der die brutalen Beutezüge von damals keine Rolle spielen.
Die ersten 300 Jahre bleibt diese Sichtweise beschränkt auf einen kleinen Kreis dänische intellektueller. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird die Gesta Danorum in die dänische Sprache übersetzt. Das Buch ist vor allem bei skandinavischen Humanisten beliebt, und regt sie u.a. dazu an Runenschriften an Felsen zu entschlüsseln und altnordischen Mythen zu studieren. Ein neues Selbstbewusstsein erfasst die Skandinavier, ausgelöst von der vermeintlich „glorreichen Vergangenheit“.
Von 1670 bis zu seinem Tod 1700 arbeitet der Polyhistor (=Universalgelehrter) Olof Rudbeck an seinem Werk Atland eller Manhem („Atlantis oder Menschenheim“), in dem er nachzuweisen versucht, das Platon mit Atlantis Schweden gemeint hat. Schweden soll Mittelpunkt der Welt und die Wiege aller Kultur sein.
70 Jahre später verklärt der einflussreiche Philosoph Jean-Jeacuqes Rousseau die Wikinger zu „edle Wilde“, und schwärt von den „archaischen Barbaren“. „Freie, gesunde, glückliche Menschen“, die untereinander „die Süße eines unabhängigen Verkehrs genießen“.
Daraufhin fällt deutsche Geisteswissenschaftlern auf, dass in der „Edda“ und den Sagas aus Island ähnliche Motive und Figuren wie im mittelhochdeutschen „Nibelungenlied“ sind. Die Schlussfolgerung liegt Nahe, dass Deutsche und Skandinavier (Brüder)völker mit gemeinsamen kulturellem Erbe sind.
Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué 12. Februar 1777; † 23. Januar 1843) war einer der ersten deutschen Dichter der Romantik. Um das Jahr 1810 feierte das deutsche Publikum seine Dramentrilogie „Der Held des Nordens" über den Nibelungenhelden Sigurd (Siegfried), den Fouqué als deutschen Nationalhelden in Szene setzte, und ließ an der Seite der Wikinger deutsche Ritter kämpfen, vermischte unbekümmert Motive aus dem Hochmittelalter mit Elementen aus der Wikingerwelt.
Richard Wagner greift daraufhin diesen Traditionen-Mix auf: den bekannten „Ring der Nibelungen“. Die Tetralogie hat Kultstatus inne. Daraus resultierte auch der Mythos der Helme, bewehrt mit Hörnern des Auerochsen. Genauso wie die Fellkleidung, Zottelbärte oder sogar mit Flügeln werden bald zum Erkennungszeichen.
Auch in Skandinavien herrscht das Wikingerbild Saxos in dieser Zeit vor. Bis, inspiriert von Rousseau, sich das Bild der Wikinger auch hier wandelt. Die Epoche der Wikinger-Fahrten gilt nun gerade wegen ihrer urwüchsigen Brutalität als Goldenes Zeitalter dort. Wie immer sehen das erst mal nur ein paar Akademiker in Stockholm, Kopenhagen und Uppsala so, bald aber verbreitet sich diese Sichtweise auch unter weiten Teilen der Bevölkerung.
Beispielsweise verfasst der dänische Dichter Adam Oehlenschläger im Jahr 1807 die Tragödie „Hakon Jarl der Mächtige“, in der der Held bis zum Ende den christlichen Bekehrungsversuchen standhält: „Bei Odin und Thor! Du sollst nicht löschen Norwegens Heldenfeuer mit deinen frommen, feuchten Traumwolken. … Ha, Thor soll das Kreuz mit seinem Hammer zerschlagen!“.
Viele Skandinavier sind gläubige Christen, aber trotzdem begeistern sie sich für Hakon Jarl. Norwegen und Island sind verarmt, Dänen und Schweden trauern den Großmachtzeiten hinterher. So versucht man sich an den Schultern der einst in der ganzen Welt gefüchteten Vorfahren aufzurichten - schließlich hat die Gegenwart wenig heldenhaftes zu bieten.
Im Jahr 1811 gründeten schwedische Lyriker und Autoren und Offiziere  den „Götiska Förbundet“, den „gotischen Bund“. Durch Rückbesinnung auf einen angeblichen nordischen Nationalcharakter wollen sie zu neuer militärischer Stärke finden. Denn Schweden, zu der Zeit der größte Staat Nordeuropas, wurde 1809 von Russland besiegt, und Finnland wurde abgetreten. Auf ihren Treffen verfassten sie Gedichte, zitierten Passagen aus der „Edda“, gaben sich selbst Namen von den Helden und tranken Met aus Hörnern. Und 1825 veröffentlicht ein Mitglied des „Götiska förbundet“ seine eigene „Frithiofs Saga“. Der Lyriker und lutherische Bischof Esaias Tegnér schaffte ein Werk dass im 19. Jahrhundert in Schweden eine Verbreitung wie kaum ein anderes literarisches Werk hatte, außerdem wurde es in etliche Sprachen übersetzt. Der Inhalt: eine Mischung aus altnordischem Mythos und romantischen Versen, mit Anleihen beim deutschen Bildungsroman. Der Sohn eines Bauern wird zum Wikinger, indem er aufs Meer hinausgetrieben und zu Unrecht von Göttern und Menschen verfolgt wird. Doch er kämpft Tapfer wie ein Wikinger. Goethe findet an der Saga gefallen, Prinzessin Victoria auch, und so wird Frithiof zum bekannten Wikinger. Der Unterschied zum vorherigen Wikingerbild: Tegnérs Frithiofs saga zählt zu den repräsentativen Leistungen der schwedischen Romantik. Frithiof ist ein sensibler junger Mann, dem auch mal die Tränen kommen. Das kommt gut an beim Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts, ist es doch eine gute Identifikationsfigur.
Frithiof ist sogar eine Inspirationsquelle für die Reformpädagogik: der dänische Schriftsteller, Dichter, Philosoph, Historiker, Pfarrer, Pädagoge und Politiker Nikolai Frederik Severin Grundtvig ist vor allem bekannt geworden als Begründer der Grundtvig-Schule. Diese alternative Schulidee breitete sich weltweit, besonders aber in Skandinavien aus. In Norwegen und Schweden sind die Folkehøgskole bzw. Folkhögskola ein Teil des staatlichen Bildungssystems. Der Inhalt des Lehrplanes damals: viel nordische Mythologie. Es werden z.B. patriotische Lieder über Wikinger-Helden gesungen. Das trägt dazu bei, dass die unteren Schichten in Skandinavien (also vor allem Bauern und Kleinbürger) bald von den edlen Normannen schwärmen.
Das Bild der Wikinger hat Mitte des 19. Jahrunderts dann auch Wirkung auf Menschen aus der Wirtschaft: Fakbrikanten und (Klein)Unternehmer betrachten die Wikinger als Ausdruck eines „angeborenen Unternehmergeistes“. Die schnellen Drachenboote gelten als Ergebnis von Erfindergeist, die Eroberungen der Wikinger zeugen von Einsatzwillen und Mut zum Risiko.
In dieser Zeit malen Künstler altnordische Helden in Öl. An öffentlichen Gebäuden prangen Runen, es werden Kostümbälle in Wikinger-Gewandung gefeiert. Die erste Lokomotive Dänemarks wird „Odin“ getauft.
Im späten 19. Jahrhundert werden immer mehr Kinder auf Namen wie „Frithiof“ oder „Ingeborg“ getauft.
Im Jahr 1870 kommt in Schweden in der Architektur der „Drachenstil“ auf und verbreitet sich bis 1910 in ganz Skandinavien. Er greift Pflanzen- und Tierornamente aus der Wikingerzeit auf, aber das auffälligste Merkmal, welches dem Stil seinen Namen gab, ist der Drachenkopf, wie er auch auf Wikingerschiffen zu finden war.
Kaiser Wilhelm II. fuhr jeden Sommer auf seiner Yacht „Hohenzollern“ durch skandinavische Fjorde. Denn dieser Anblick soll „ein Balsam für die deutsche Seele“ sein. Diese Mode verbreitet sich dann natürlich auch in den darunterliegenden gesellschaftlichen Schichten. Wer es sich leisten konnte fuhr ins „Nordland“ als Rückkehr in die alte Heimat.
Nach dem Ersten Weltkrieg ist der Wikinger-Mythos bei deutschen Nationalisten beliebt zur Linderung der Schmach der Kriegsniederlage. Die Wikinger seien „rassische Ahnen“. Und jetzt wird es noch mystischer. in den zwanziger Jahren entwickelt ein Astrologe eine Wikinger-Runengymnastik, die die Kraft der Runen auf den Ausführenden übertragen soll. Der verbeitet sich auch ganz gut, und es stehen jetzt Menschen als Wikinger verkleidet rum und machen sozusagen Wikinger-Yoga.
Und natürlich missbrauchen die Nazis den Wikinger-Mythos für ihre Zwecke. Die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.“ war eine Forschungseinrichtung der SS, mit der Heinrich Himmler u.a. mit Archäologen Großgrabungen organisiert hat. Außerdem sollten im Rahmen dessen in „Lebensborn-Heimen“ arische Nachkommen mit nordischem Blut gezüchtet werden. Denn als direkte Nachfahren der Wikinger hätten die Norweger Eigenschaften wie Kühnheit und Stärke in ihrem Blut. Die über 400.000 deutschen Soldaten in Norwegen hatten als Besatzer einen Kampfauftrag der besonderen Art: “In tiefstem sittlichen Ernst” erging in einem Rundschreiben mit dem Titel “SS für ein Großgermanien, III. Folge, Schwert und Wiege” die Anordnung, “dass deutsche Soldaten so viele Kinder wie möglich zeugen, egal, ob ehelich oder unehelich”.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben die Sagas Inspirationsquelle. J. R. R. Tolkien bedient sich für Eigennamen direkt aus der „Edda“...
In den 70ern entstanden Serien wie „Wickie und die starken Männer“, und Comics wie „Hägar der Schreckliche“, die große kulturelle Verbreitung finden. Die Botschaft dieser Werke ist glaube ich klar: grobschlächtige Barbaren mit wenig Verstand, aber mutig und stark. Smile
edit: Dagegen gibt es aber auch die Serie Vikings. Ich zitiere mal Reinhard Hennig: "Aber das Ziel der Serie ist schließlich weder historische Zuverlässigkeit noch eine bloße Nacherzählung der Saga – sondern gute Unterhaltung zu bieten. Dabei gelingt es Vikings dennoch, ganz nebenbei nicht nur einiges an Wissen über die Wikingerzeit, sondern auch über die altnordische Mythologie zu vermitteln. Und offenbar trägt die Serie damit zu einem deutlich steigenden Interesse an diesen Themen bei: So meldete beispielsweise kürzlich das Wikingerschiffmuseum in Oslo um mehr als ein Drittel gestiegene Besucherzahlen seit dem Start von Vikings."
Auf der Expo 2000 präsentiert sich Deutschland, genauer Schleswig-Holstein, mit einem Wikingerschiff: „Schleswig-Holsteins Wikingerschiff steht als Symbol für den technischen Fortschritt, die Brücke zum Norden, das Zusammenwachsen der Ostseeregionen, für kulturellen Austausch mit den Nachbarregionen und die Öffnung zu den mittel- und osteuropäischen Ländern. Es steht für Innovation und Weltoffenheit, für ein Land mit Zukunft.“
In der Gegenwart in Deutschland ist der Wikinger-Mythos u.a. in der rechten Szene verbreitet. Die Band „Nordwind“, die dem Vikingrock zuzuordnen ist, singt in ihrem Song „Hand in Hand“:
„Wir marschieren Hand in Hand
Nur für unser Vaterland
Nimmt das Schicksal seinen Lauf
Diesmal hält uns keiner auf!“
Auch ist z.B. die Viking-Metal Band VARG eher politisch braun einzuordnen.
Aber auch unabhängig von politischen Lagern ist der Wikinger-Mythos präsent: z.B. kann man eine Wikinger-Diät machen. Man soll sich so ernähren wie die Wikinger, und dabei abnehmen. Es wird sogar propagiert, diese Diät wäre der Ablöser der Mittelmeer-Diäten.
Heute bieten Prostituierte „Wikinger-Sex“, mit oder ohne Hörnerhelm, an. Dieses Wikinger-Markenzeichen, wie auch das Drachenboot, ist überall in der gesellschaftlichen Gegenwart präsent: Es gibt Wikinger-Gurken, -Würstchen, -Naschereien, -DNA-Tests („Sind Sie ein Wikinger?“),… nicht zu vergessen Viking Cruises, ein Reiseveranstalter.
Und diese Verklärung, die geschichtlich schon so weit zurück reicht, sorgte dann dafür dass heutige Bild der Wikinger so weit von der Wirklichkeit (tm) entfernt ist. Nicht nur der Hörner-Helm Mythos ist sofort präsent, wenn man nach Wikingern fragt. Auch sollen sie mit mit schweren doppelseitigen Streitäxten gekämpft haben (zu den Waffen der Wikinger schreib ich noch mal extra was), auch sollen sie ungepflegt und schmutzig gewesen sein. Die Wikinger sollen also unziviliserte Barbaren gewesen sein, die zudem nicht lesen und schreiben konnten. Auch sollen sie über die Maße grausam gewesen sein.  Auch sollen Frauen bei den Wikingern nichts zu sagen gehabt haben, wie es sehr schön in „Hägar“ ironisch persifliert wird.


Zuletzt von heiko am 4/8/2014, 10:20 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Der Wikinger-Mythos

Beitrag von heiko am 2/8/2014, 21:18

Ich habe eine nette Auflistung über den Mythos der Wikinger in der Populärkultur gefunden. Es gibt dazu auch Bücher genau mit solchen Titeln. Aber ich denke das reicht für's erste. Ich finde es echt gut zu wissen, wie die Wikinger nicht waren, um auch die Hjaldinger von den Thorwalern abzugrenzen, die ja auch an diesem populären Bild angelehnt sind.
Also hier nun die...

20 populäre Irrtümer über Wikinger

1.”DIE WIKINGER WAREN EIN VOLK”
Wikinger war nie eine Bezeichnung für ein Volk oder eine Volksgruppe, auch wenn der Sprachgebrauch, selbst der von Fachleuten, darauf hinzudeuten scheint.
Es ist nun einmal einfacher zum Beispiel von „Wikingerschiffen“ statt historisch korrekt von „nordeuropäischen kombinierten Ruder-Segel-Kriegsschiffen des frühen Mittelalters bis frühen Hochmittelalters“ zu reden, auch wenn nicht alle diese Schiffe zur Viking verwendet wurden. Ähnlich ist es mit den „Wikingerkönigen“, der „Wikingerzeit“, den „Wikingersiedlungen“ und so weiter und so weiter.

Wikinger ist, salopp gesagt, eine Tätigkeitsbezeichnung. Das altnordische Wort víking (Femininum, also „die Viking“) bedeutet zunächst nur „weite Schiffsreise“. Ein „Wikinger“ wäre demnach jemand, der eine weite Schiffsreise unternimmt – egal, ob als Kaufmann, Siedler, Entdecker, Seeräuber oder Krieger. Das Wort vikingr bezeichnete jemanden, der die Viking zum „Beruf“ oder besser Lebensinhalt gemacht hatte. Vikingr erhielt im Laufe der Jahrhunderte eine zunehmend negative Konnotation, etwa im Sinne von „Pirat“. Es war zu dieser Zeit nicht ehrenwert, Vikingr zu sein, aber sogar im beginnenden Hochmittelalter galt es selbst für Könige als ehrenwert und das Ansehen fördernd, auf Viking gewesen zu sein, während Männer, die nie weit gereist waren, gering geschätzt wurden.

2. “DIE WIKINGERZEIT BEGANN MIT DEM ÜBERFALL AUF DAS KLOSTER LINDISFARNE”
Der Überfall auf das Kloster Lindisfarne in Nordengland im Jahre 793 gilt deshalb als „Beginn der Wikingerzeit“, weil dieser erfolgreiche Angriff auf ein reiches und gut befestigtes Kloster auch aufgezeichnet wurde. Es ist anzunehmen, dass er nicht der erste Überfall war. Schon zur Zeit der Merowinger gab es ähnliche Überfälle auf fränkisches Gebiet, nur der Begriff „Wikinger“ oder „Nordmannen“ war noch nicht gebräuchlich, es war in der Regel von „Seeräubern“ die Rede.

3. “DIE WIKINGER TATEN SICH NUR DURCH KÄMPFEN UND BEUTEMACHEN HERVOR”
Das ist nur dann halbwegs richtig, wenn man „Wikinger“ auf die Vikingr genannten Seeräuber beschränkt. Die Viking war ja, siehe oben, allgemein eine „weite Seereise“. Die weitgehend friedliche Besiedlung Islands, Südwestgrönlands und der kleineren nordatlantischen Inseln kann genau so unter „Wikingfahrt“ verzeichnet werden, wie die ebenfalls nicht gewaltsamen Handelsreise bis in die fernsten Länder der damals bekannten Welt.

4. “DIE WIKINGER TRUGEN HELME MIT HÖRNERN”
Ein offensichtlich unausrottbares Klischee. Es sind zwar nur wenige Helme aus der Wikingerzeit erhalten, aber keiner davon hat Hörner. Es gibt auch keine zeitgenössische bildliche Darstellung so einer Helmzier. Für einen Kämpfer wäre ein Helm mit seitlich angebrachten Hörnern auch äußerst ungünstig, da sie bei einem seitlichen Treffer einen Schwert- oder Axthieb zum Helmträger hin abgelenkt hätten. Bei einem Treffer von oben hätte die Gefahr bestanden, dass dem Träger der Helm vom Kopf gerissen worden wäre – was noch der harmlosere Fall wäre, denn ein fest sitzender Hörnerhelm würde bei einem ungünstigen Horn-Treffer dem Träger das Genick brechen!
Es gab zwar tatsächlich Hörnerhelme, jedoch stammten sie aus der Bronzezeit und dienten ausschließlich zeremoniellen Zwecken. Hörner gab es zuweilen auch als Helmzier an Helmen der Ritterzeit, allerdings nur bei Helmen, die ausschließlich im Turnier benutzt wurden, wo keine „unfairen“ Axt- oder Schwerthiebe drohten, außerdem war diese Zier nur aufgesteckt,
Sinngemäß gilt das auch für Helmflügel á la „alte Wagner-Inszenierung“, „Hermanns-Denkmal“ oder „Asterix“.

5. “DIE LIEBLINGSWAFFE DER WIKINGER WAR DIE SCHWERE, DOPPELSEITIGE STREITAXT”
Es stimmt zwar, dass die Wikinger Streitäxte verwendeten, deren Handhabung im Kampf zum Beispiel auf wikingerzeitlichen Bildsteinen eindringlich festgehalten wurde. Allerdings waren das eher leichte, meist einhändig geführte, immer einseitige Äxte. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund einer Doppelaxt aus dem frühmittelalterlichen Europa! Die am häufigsten gefundene und eingesetzte wikingerzeitliche Waffe war der Speer. „Lieblingswaffen“ im Sinne von besonders geschätzter, aber eher seltener Waffen waren die kostbaren Schwerter.
Die Warägergarde des byzantinischen (oströmischen) Kaisers (Waräger war die in Osteuropa übliche Bezeichnung für Wikinger) war als „die Axtträger“ bekannt, weil Streitäxte in der Armee ansonsten ungebräuchlich waren – und vielleicht, weil eine Axt eher zum Barbarenklischee passte, als die Speere oder die Langschwerter der Waräger. Neuzeitliche „Barbarenklischees“ sind es, die das falsche Bild des eine wuchtige Doppelaxt schwingenden Wikingers mit Hörnern am Helm bestimmen.

6. “WIKINGER WAREN SCHMUTZIG UND UNGEPFLEGT”
Im frühmittelalterlichen England galten die Wikinger als übertrieben reinlich, weil sie jede Woche badeten. Ibn Rustah,ein persischer Reisender, erwähnte ausdrücklich die Reinlichkeit der Waräger (östlichen Wikinger), und auch wenn der arabische Reisende Ibn Fadlan sich über deren unappetitlichen Art, sich zu reinigen, mokierte, widerspricht sein Bericht dem nicht. Bei Ausgrabungen wikingerzeitlicher Stätten sind Kämme, Rasiermesser, Pinzetten und „Ohrlöffel“ zum Reinigen der Ohren häufige Fundstücke. Die Nordeuropäer des Frühmittelalters stellten auch Seife her, die sie sogar exportierten

7. “DIE WIKINGER ÜBERQUERTEN DEN ATLANTIK IN OFFENEN BOOTEN”
Vor allem die in Gräbern gut konservierten Schiffe von Gokstad und Oseberg gaben schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Eindruck davon, wie die Schiffe, mit denen die Wikinger ihre europäischen Raubzüge benutzten, aussahen. Da sich Nachbauten des Gokstad-Schiffes als sehr seetüchtig erwiesen – ein Nachbau überquerte schon 1892 den Atlantik – entstand beim breiten Publikum der Eindruck, die wikingerzeitlichen Entdecker, Kolonisten und Fernhändler hätten auch solche offenen Fahrzeugen benutzt. Tatsächlich benutzten sie besondere Handelsschiffe, die breiter und hochbordiger waren als die bekannten Langschiffe, und Knorr genannt wurden. Knorren waren reine Segelschiffe und teilweise gedeckt.

8. “WIKINGER WAREN UNZIVILISIERTE, ANALPHABETISCHE BARBAREN”
Während noch zur Römerzeit ein deutliches kulturelles Gefälle zwischen der „römischen Welt“ und Nordeuropa bestand, kann das im frühen Mittelalters nicht behauptet werden. Einerseits brach die römerzeitliche Infrastruktur nach der Völkerwanderungszeit zusammen, anderseits holte der Norden gerade in dieser Zeit (der “Vendelzeit”) in der Sachkultur, in Handwerk und Kunst, deutlich auf. Schon die Runeninschriften zeigen, dass die wikingerzeitliche Kultur Nordeuropas nicht völlig analphabetisch gewesen sein kann, und Runen-Kritzeleien an byzantinischen Bauten und Statuen beweisen, dass auch die Krieger der Waräger-Garden nicht durchweg analphabetisch gewesen sein können – auch wenn es sicherlich barbarisch ist, seinen Namen in Kunstwerke einzuritzen, zeigt das doch, dass nicht nur eine kleine Elite eingeweihter Runenmeister schreiben konnte. Wikingerzeitliche Kleidung war, wenn es sich der Träger oder die Trägerin leisten konnte, farbenprächtig und aufwändig gearbeitet, weder primitiv noch „barbarisch protzig“.
Der hohe Stand der hochmittelalterlichen altnordischen Dichtung ist ohne eine lange dichterische Tradition nicht erklärbar, und die „Thingdemokratie“ in Island und in den atlantischen Siedlungsgebieten, das Modell des Parlamentarismus, entstand sicher auch nicht ohne eine lange politische Tradition der Volksversammlung und des Schöffengerichts.

9. “DIE WIKINGER WAREN AUSSERORDENTLICH GRAUSAM”
Es stimmt, dass Wikinger manchmal sehr brutal vorgingen. Allerdings sind Kriegshandlungen und Raubüberfälle grundsätzlich gewalttätig, weshalb die von zeitgenössischen Chronisten auf der Opferseite so eindringlich geschilderten Grausamkeiten der heidnischen Wikinger mit der damaligen Kriegsführung christlicher Heere verglichen werden müssen.
Zieht man die üblichen Übertreibungen und Gräuelgeschichten aus den Berichten der damals praktisch ein Schreibmonopol innehabenden Mönche ab, deuten selbst sie nicht darauf hin, dass die Beutezüge der Wikinger ungewöhnlich blutrünstig gewesen wären. Hingegen führte z. B. Karl „der Große“ regelrechte Vernichtungskriege, was man den Wikingern (und den wikingerzeitlichen nordeuropäischen Heerführern), bei aller Beutegier und Rücksichtslosigkeit, nicht nachsagen kann.

10. “DIE ARMEEN DER WIKINGER WAREN GROSS”
Zuerst ist dazu zu sagen, dass nicht jedes nordeuropäische Heer der Wikingerzeit automatisch ein „Wikingerheer“ war. (Könige wie Sven Gabelbart oder Knut „der Große“ hätten es sich sicher verbeten, wenn ihre Heere so genannt worden wären.) Wikinger waren strenggenommen nur die eher kleinen Gruppen von Abenteurern / Räubern / Raubhändlern / Händlern, die sich aus eigenem Antrieb einem Anführer anschlossen. Aber selbst die in den Chroniken so genannten „großen Heere“ können so gewaltig groß nicht gewesen sein.
Die Flotte des dänischen Heerkönigs Göttrick (auch als Gudrød oder Gudfred bekannt), deren Landung auf den friesischen Inseln Karl „dem Großen“ Sorgen machte, hatte nach dem Chronisten Einhard 200 Schiffe. Selbst wenn das nicht, wie so oft in mittelalterlichen Chroniken, übertrieben war, hätten diese höchstens 8000 Mann tragen können. Wobei Göttrick der mächtigste Herrscher im Norden Europas war, und erst Harald Blauzahn und sein Widersacher Sven Gabelbart wieder ähnlich große Streitkräfte mobil machen konnten.
885 verfügte König Harald Harfargi (Schönhaar), dass jeder seiner Jarle 60 hirdmen, also Krieger in persönlicher Gefolgschaft, haben sollte, sowie vier hersir als regionale Anführer mit einem hird von jeweils 20 Mann. Diese etwa 140 Mann eines Jarls galten schon als Heer!
Zwar konnte im Kriegsfalls der leidang, eine Art Miliz, einberufen werden, die dann den Großteil des Heeres ausmachte, aber die Wikinger, die Europa im 9. und 10. Jahrhundert heimsuchten, waren so gut wie alle Hirdmen eines „niederen Adligen“ – wenn man einen Sohn eines Großbauern so nennen will.
Ein typisches „Wikingerheer“ bestand also aus höchstens ein paar tausend Mann, und ein Wikingerüberfall war eher ein „Kommandounternehmen“ eines kleinen Haufens Kämpfer als eine „Invasion“.

11. “DIE WIKINGER WAREN HARTE KÄMPFER, ABER TAPFER UND AUFRICHTIG”
Die Sagas wie die Heldenlieder lassen keinen Zweifel daran, dass Listen – bis hin zu ausgesprochen schmutzigen Tricks – nicht nur regelmäßig angewendet wurden, sondern sogar als rühmenswert galten. Die typische Taktik war der Überraschungsangriff, und die Wikinger sahen zu, dass sie mit der Beute verschwanden, bevor der Gegner den Widerstand organisieren konnte. Das „Danegeld“ und andere Tributzahlungen waren bei Licht besehen Schutzgelderpressungen. Auch große Feldzüge mit politischen Zielen waren offensichtlich von einem harten Pragmatismus bestimmt. Der „Raubhandel“, spricht Hehlerei, und der Sklavenfang und Sklavenhandel zeigen, dass der Ehrbegriff auch der als Kaufleute tätigen Wikinger ziemlich einseitig gewesen sein muss.

12. “ALLE WIKINGER WAREN NORDGERMANEN”
Auch wenn die meisten Wikinger Skandinavier waren, und heute die frühmittelalterliche nordgermanische Kultur oft einfach als „Wikingerkultur“ bezeichnet wird, waren die Mannschaften auf den Wikingerschiffen, nach den Sagatexten zu urteilen, oft ethnisch bunt gemischt. Vor allem Balten, aber auch Ostseeslawen und Männer aus (Alt-)Sachsen und dem Rheinland (also „Südgermanen“, wenn man so will) gingen, zusammen mit „Nordmännern“, „auf Viking“. Nicht eingerechnet sind dabei Menschen, die unfreiwillig, als Knechte oder Sklaven mitgenommen wurden.

13. “DIE WIKINGER ACHTETEN AUF DIE REINHEIT IHRER ART”
Das ist eine fixe Idee neuzeitlicher Rassisten. Über die Hälfte der Vorfahren der heutigen Isländer, einer Volksgruppe, die zwischen dem späten Mittelalter und der Moderne sehr isoliert war, und deshalb ein beliebtes Objekt für genetische Untersuchungen sind, stammten nicht aus Skandinavien, sondern aus Britannien, Irland, dem Baltikum und anderen Teilen Europas. Eine der im berühmten Königinnengrab von Oseberg bestatteten Frauen hatte Vorfahren, die vom Schwarzen Meer stammten, ein Mann in einem spätantiken dänischen Grab stammte offensichtlich aus dem arabischen Raum, usw. . Heutigen Rassisten, die angesichts dieser Tatsachen behaupten, die „alten Nordgermanen“ hätten wenigstens darauf geachtet, nur „weiße“ Frauen zu nehmen (an „fremde“ Ehemänner denken sie bezeichnenderweise nicht), sei gesagt, dass einige Isländer eine Gensequenz haben, die unter Europäern sonst nicht vorkommt – aber bei Ostasiaten und bei nordamerikanischen Indianern.

14. “FRAUEN HATTEN BEI DEN WIKINGERN WENIG ZU SAGEN”
Der heutige Wikingermythos sieht die Wikinger als Männer, als Krieger, Seefahrer oder tatkräftige Siedler. Es kann auch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die wikingerzeitliche Gesellschaft „patriarchalisch“ war, also Männer privilegierte. Allerdings lag die Wirtschaft und Verwaltung der Höfe während der monatelangen Abwesenheit ihrer Männer in den Händen der Frauen – was nicht möglich gewesen wäre, wenn die soziale Stellung der Frauen sehr niedrig gewesen wäre. Aus Island ist sogar die einseitige Ehescheidung durch die Frau bekannt. Während Raubzüge und Krieg „Männersache“ waren, galt das nicht für die Kolonisation und auch nicht für den Handel: Die für die Gräber von Händlern typischen Waagen und Gewichte als Grabbeigabe fanden sich zu 20% in Frauengräbern.

15. “DIE WIKINGERZÜGE WURDEN DURCH ÜBERBEVÖLKERUNG AUSGELÖST”
Das Problem der Forschung über die Ursachen der Wikingerzüge liegt darin, dass zeitgenössische Texte darüber nur wenig Auskunft geben, und die wenige Quellen dann noch von Behauptungen über die sexuelle Zügellosigkeit der Heiden und die noch auf römische Autoren zurückgehende Behauptung, skandinavische Frauen seien ungeheuer fruchtbar, überlagert sind. Obwohl Hungersnöte oder Mangel an bebaubarem Land in einzelnen Fällen tatsächlich frühmittelalterliche Skandinavier zur Auswanderung veranlassten, und die Behauptung, dass vor allem jüngere Söhne, die beim Erbe leer ausgegangen waren, in die Ferne zogen, nicht völlig aus der Luft gegriffen ist – von einer Überbevölkerung Südskandinaviens und Dänemarks konnte keine Rede sein. Es gibt tatsächlich keine archäologischen Hinweise, die für eine Überbevölkerung dieser Gebiete im 8. und 9. Jahrhundert sprechen würden, und es fehlen auch Spuren, die auf eine erhöhte Sterblichkeit durch Unterernährung oder Seuchen hinweisen könnten. Adam von Bremen schrieb noch gegen Ende des 11. Jahrhunderts, dass Jütland und Norwegen über weite Strecken brach lagen. Landknappheit war also nicht die Hauptursache der wikingerzeitlichen Expansion.

16. “WIKINGER STREBTEN DEN HELDENTOD AN”
Alles deutet darauf hin, dass die Wikinger ihre Beutezüge gern überlebten, allein schon, weil ein Toter nichts von der Beute hat, wie es im Hávamál ziemlich offen gesagt wird. Eben jenes Hávamál, deren Schlussvers den neuzeitlichen Germanentümlern oft missbraucht wurde, um den „Heldentod“ zu verherrlichen. In der Übersetzung von Felix Genzmer lautet er: „Besitzt stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eines weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm“. Er muss aber im Kontext gesehen werden. Der Vers: „Der Handlose hütet, der Hinkende reitet, tapfer der Taube kämpft; blind ist besser als verbrannt zu sein, nichts taugt mehr, wer tot“, ermutigt z. B. schwer verwundete Krieger ausdrücklich zum Weiterleben. Es gibt zwar wirklich Sagastellen, die von der Angst alter Recken berichten, den „Strohtod“, also den Tod im Bett, zu sterben, allerdings muss auch das im jeweiligen Kontext gesehen werden – und vor dem Hintergrund, dass die Sagas, wie die Heldenlieder, schon höfische Dichtung waren und nicht die Ansichten der Krieger auf dem Schlachtfeld wiedergeben.

17. “DIE WIKINGER WAREN SO VERBISSENE KÄMPFER, WEIL SIE AUF EINE BELOHNUNG IM JENSEITS HOFFTEN”
Es gibt keine zeitgenössische Quelle, dass Wikinger tatsächlich darauf gehofft hätten, nach dem Tod in „Odins Kriegerparadies“ einzugehen. Es ist durchaus offen, wie weit die Vorstellung, die „gefallenen Helden“ kämen nach Walhall, wirklich unter den einfachen Kriegern verbreitet war. Selbst wenn man die eddischen Mythen beim Wort nimmt, ist Walhall eher ein Trainingslager für den Endkampf mit den „Mächten des Chaos“ im Ragnarök als ein Paradies. Also eine Zwischenstation, kein ewige Glückseeligkeit. Übersehen wird auch gerne, dass nicht Odin, sondern Freyja die erste Wahl unter den Gefallenen hat.
Was die Wikinger motivierte waren sehr diesseitige Gründe: Beute, Land, Macht, oder auch, in der Phase, als sich die nordischen „Großkönige“ durchsetzten, persönliche und politische Freiheit.

18. “DIE WIKINGERFELDZÜGE WAREN GEGEN DAS CHRISTENTUM GERICHTET”
Die naheliegendste Erklärung, wieso die frühen Wikingerüberfälle sich gegen Klöster und Kirchen wendeten, ist, dass dort am meisten zu holen war – bei relativ überschaubarem Risiko. Da der Übergang zur (feudalen) Staatlichkeit mit starker Zentralgewalt des Königs mit der Christianisierung Hand in Hand ging, sich Kirche und Fürsten gegenseitig stützten (und gegenseitig instrumentalisierten), war der Kampf gegen die bäuerliche Selbstregierung einerseits und gegen „Kleinkönige“ andererseits mit der „Bekämpfung des Heidentums“ eng verbunden. Allerdings kann man nicht sagen, dass „heidnisch“ automatisch für „bäuerlich-selbstbestimmt“ und „christlich“ für „feudal-zentralistisch“ standen. Die Christianisierung war, allerdings von einigen blutigen Ausnahmen abgesehen, ein eher friedlicher und eher unspektakulärer Vorgang. Allerdings dürfte die Darstellung vom freudig und freiwillig angenommenen neuen Glauben ebenfalls falsch sein; der „freiwilligen“ Annahme des Christentums durch das Althing in Island ging eine massive Erpressung des norwegischen Königs Olav zuvor.
Für viele Nordländer kam es offensichtlich auf einen Gott mehr oder weniger nicht an, die pragmatische Sicht zeigte sich in der Kunst und am deutlichsten in Gussformen, in denen sowohl Thorshämmer wie christliche Kreuze gegossen werden konnten. Erst im 12. Jahrhundert, in der Zeit der Kreuzzüge und der Kirchenreform, wurde der Synkretismus zwischen Heidentum und Christentum durch die „zweite Christanisierung“ weitgehend beendet.

19. “DIE CHRISTIANISIERUNG BEDEUTETE DAS ENDE DES WIKINGERTUMS”
So sehr die frümittelalterlichen Chronisten in ihren Klöstern die Untaten der heidnischen Wikinger verdammten, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Krieger aus dem Norden nach erfolgter Taufe weniger grausam gewesen wären. Die Häufigkeit, mit der der Begriff vikingr noch gut 200 Jahre nach der Christanisierung auftaucht, deutet darauf hin, dass Seeraub und Kleinkrieg noch weit verbreitetet gewesen sein müssen. Das Ende der Wikingerzeit kam mit dem Erstarken der staatlichen Zentralgewalt auch in Nordeuropa, als nicht einmal mehr ein Jarl, geschweige denn jemand geringeren Ranges, mit einer freiwilligen Gefolgschaft auf eigene Faust „auf Viking“ gehen konnte. Das Christentum trug zu dieser Entwicklung nur indirekt bei, indem die Herrscher die neue Religion und ihrer Strukturen nutzten, um ihre Autorität zu stärken. Die Kirche wurde zum Werkzeug des Staates. Auch der „rein kriminelle“ Seeraub hatte es mit dem Aufkommen großer stehender Heere und Flotten zunehmend schwer. Der Fernhandel, das andere kennzeichnende Element des Wikingerzeit, brach teils zusammen und nahm andernteils eine andere, straffer organisierte, Struktur an, nachdem der wikingerzeitliche Silberhandel im 11. Jahrhundert zusammengebrochen war und das vormalige Ostfrankenreich (das spätere Deutschland) an Macht gewonnen hatte.

20. “DASS WIKINGER JE ETWAS ANDERES ALS RÄUBER GEWESEN WÄREN, IST EIN PRODUKT NATIONALROMANTISCHER GESCHICHTSSCHREIBUNG”
Diese Ansicht ist einerseits sozusagen das Gegenstück zu der romantischen Verklärung der Wikingerzeit, und sie ist, anders als die ebenfalls als Gegenstück zur Nationalromantik zu sehenden „Barbarentheorie“, sogar historisch fundiert. Beschränkt man „Wikinger“ nämlich auf die tatsächlich in mittelalterlichen Texten ausdrücklich vikingr genannten Menschen, dann waren das in der Tat durchweg Seeräuber oder blutige Privatfehden führende Freischärler, bestenfalls „Raubhändler“. Es ist einerseits sicher nicht historisch korrekt, alle mit der nordeuropäischen Expansion des frühen Mittelalters einhergehenden Aktivitäten, einschließlich der Kolonisation im Nordatlantik, unter dem Stichwort „Wikinger“ zusammenzufassen. Anderseits ist auch eine Engführung problematisch, weil die negative Konnotation von vikingr sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, und das Wort viking alle langen Seereisen umfasste.

Quelle: http://www.nornirsaett.de/20-populare-irrtumer-uber-wikinger/
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Re: Der Wikinger-Mythos

Beitrag von upendo am 5/8/2014, 18:15

darf ich noch kurz hinzufügen?
21. "Richtige WEikinger sind keine Christen und beten alle Thor an, was man an den männlichen Hämmern die sie als Symbol ihres Glaubens Tragen sieht" (und natürlich weil der Hammer im germanischen Raum seit Alters her eine Funktion als Schwanzverlängerung hatte)
;-)

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Re: Der Wikinger-Mythos

Beitrag von Amataraeon am 8/8/2014, 06:03

Zum ersten Text von Heiko (der zweite wird später Zeit finden): Danke für die Zusammenstellung.

Bemerkenswert scheint mir, dass sich die Berichte über "die Wikinger" erst mit dem "Untergang ihrer Zeit" einstellen. Die Geschichts-Schreibung glänzt während der eigentlichen Aktivitäten, wie nord-/mitteleuropaweit, ja vor allem durch Abwesenheit.
Dass Saxo Grammaticus mal eben schlappe 400 Jahre später Geschichte schreibt und dennoch den Beginn markiert, ist schon interessant. In der Hinsicht möchte ich anregen, das vor allem als Zusammenwirken zweier Faktoren zu betrachen
1. Saxo Grammaticus schreibt in intellektuell-christlicher Hochsprache, ist also von daher schon statusfähig und rezipierbar, auch für die nächsten Jahrhunderte;
2. Seine Darstellungen passen zum aufkommenden Staatsverständnis des 19. Jahrhunderts, das sich zwischen dem neuzeitlichen "ad fontes" (zu den Quellen) und dem "Nationalitätenprinzip" bewegt.

Insofern spannend, dass das gänzlich dem Selbstverständnis als "urwüchsiger Kultur" widerspricht. Witzig auch schon fast, dass die späteren Teile seiner Bücher anscheinend (mein Latein ist nicht gut genug dafür, von daher verlasse ich mich auf die Sekundärliteratur-Darstellung) vor allem der Herrschaftssicherung der aktuellen Gesellschaftsstruktur und der Perpetuierung des Christentums dienen.
Ein Treppenwitz der Geschichte: Die heidnisch-germanisch-stammeshaften Wikinger überdauern als Topos, weil sie einem christlich-romanisch-feudalem Herrscherhaus zur Absicherung ihrer Ansprüche dienen. (Knut IV. von Dänemark etwa, 1043-1086, hatte zur Frau die Tochter eines flandrischen Grafen).
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Re: Der Wikinger-Mythos

Beitrag von Amataraeon am 8/8/2014, 06:04

Zu Anna: Kannst Du mal eine Quelle für diese Hammer-als-Frauengrabbeigabe nennen? Ich würde das einigen Personen gerne mal nachvollziehbar belegen, wenn sie mich wieder so komisch angucken Smile.
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Re: Der Wikinger-Mythos

Beitrag von upendo am 8/8/2014, 21:24

schau mal da: G. Schwarz-Mackensen, Thorshämmer aus Haithabu - Zur Deutung wikingerzeitlicher Symbole. Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, 12 (Neumünster 1978), 85-93.
J. Staecker, Rex regum et dominus dominorum. Die wikingerzeitlichen Kreuz- und Kruzifix- anhänger als Ausdruck der Mission in Altdänemark und Schweden (Stockholm 1999).
S. Walaker Nordeide, Thor's hammer in Norway. In: A. Andrén, K. Jennbert, C. Raudvere (Hrg.), Old Norse religion in long-term perspectives. Origins, Changes and Interactions. An international conference in Lund, Sweden, June 3-7, 2004 (Riga 2006), 218-223.
unter anderem von meinem lieblings Prof. (und wenn jemand für bestalisch/männliche Deutzungsansätze zu haben ist, dann er...)

Und im RGA (Reallekixon der Germanischen Altertumskunde 2. Aufl.) müsste es auch drinnen sein, da bin ich mir aber nicht sicher

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