Wikinger: Trinkgelage

Nach unten

Wikinger: Trinkgelage

Beitrag von heiko am 31/7/2014, 18:28

ER MUSSTE GEWALTIG SPEIEN
Trinkgelage waren der rituelle Höhepunkt festlicher Mahlzeiten. Meistens gab es selbstgebrautes Bier, denn Wein oder Met waren seltene Luxusgüter. Ein Auszug aus Kapitel 71 der Egils Saga illustriert das.
Egils saga (auch Egils saga Skallagrímssonar oder Egla bzw. Eigla, deutsch Die Saga von Egil Skalla-Grimsson) ist eine der herausragendsten Isländersagas.
Verfasst wurde sie vermutlich zwischen den Jahren 1220 und 1240. Die Saga wird häufig Snorri Sturluson (1179–1241) zugeschrieben, seine Autorschaft ist jedoch nicht unumstritten. Die Saga handelt vom Leben der Hauptperson Egill Skallagrímsson, einem isländischen Bauern, Wikinger und Skalden, und seiner Familie, die im 10. Jahrhundert lebte. Insgesamt treten ungefähr 400 Personen auf, die entweder mit ihm verwandt sind oder ihn in Streit oder Freundschaft treffen.

Handlung:
Die Saga beginnt in Norwegen im Jahre 850 im Leben von Egils Großvater Úlfr, auch Kveldúlfr genannt (dt.: Abendwolf), und seiner beiden Söhne Þórólfr, einem großen Krieger, der eine komplizierte Beziehung zum König von Norwegen Haraldr unterhält, und Egils Vater Skallagrímur Kveldúlfsson.
Nach Þórólfrs Tod, aufgrund seiner unfreiwillig gebrochenen Untertanenpflicht gegenüber König Haraldr, fliehen Skallagrímur und Kveldúlfr aus Norwegen nach Island. Skallagrímur lässt sich als friedlicher Bauer und Schmied in Borg nieder, wo auch seine Söhne Egill und Þórólfr (nach seinem Onkel benannt) aufwachsen.
Die Saga erzählt daraufhin die Kindheit Egils, die eine Ahnung seiner zukünftigen rebellischen Haltung aufkommen lässt. Der Friede, den seine Familie gefunden hatte, wird durch Egils gefährliche Haltung gegenüber der sozialen Ordnung bedroht. Er schürt Ärger indem er im Alter von sieben Jahren seinen ersten Mord mit einer Axt begeht. Danach wird über Egils Reisen nach Skandinavien und England, seine Kämpfe und Freundschaften, die Beziehung zu seiner Familie (geprägt durch den Neid, sowie die Zuneigung zu seinem älteren Bruder Þórólfr), seine alten Jahre und das Schicksal seines eigenen Sohnes Þorsteinn und dessen Nachkommen berichtet.
Die Saga endet ungefähr im Jahr 1000 und umfasst mehrere Generationen. Sie betrachtet vor allem die verschiedenen Abschnitte in Egils Leben, die häufig von Kämpfen geprägt und von Egill selber mit zahlreichen Dichtungen erzählt werden. Vor seinem Tod versteckt Egill angeblich seinen während der Jahre angehäuften Silberschatz in der Nähe von Mosfellsbær und begründete damit die Legende von silfur Egils (dt.: Egils Silber).

Und jetzt der besagte Aussschnitt aus Kapitel 71 der Egils Saga:

Egil und seine Gefährten überquerten am Abend den Bergrücken. Von ihnen ist nur kurz zu erzählen, dass sie bald vom Wege abkamen; es war sehr viel Schnee, die Pferde sanken bei jedem zweiten Schritt ein, so dass man sie herausziehen musste. Es waren da steile Strecken und Stellen mit dichtem Unterholz, und das Unterholz und die Steilstrecken waren sehr schwer zu bewältigen. Wegen der Pferde verzögerte sich ihre Fahrt sehr, und für die Männer war es überaus schwer vorwärtszukommen. Sie wurden sehr müde, kamen aber doch über den Bergrücken und sahen vor sich einen großen Hof und hielten darauf zu.
Und als sie in die Umzäunung kamen, sahen sie Männer draußen stehen, Armod und seine Knechte. Sie richteten das Wort an sie und fragten nach Neuigkeiten, und als Armod erfuhr, dass sie Sendboten des Königs seien, bot er ihnen Unterkunft an. Sie nahmen das an, Armods Hausleute kümmerten sich um ihre Pferde und ihre Gespanne, der Bauer aber lud Egil ein, in die Halle zu gehen, und das taten sie. Armod ließ Egil im Hochsitz auf der niederen Bank ihm gegenüber sitzen und seine Fahrtgenossen daran anschließend; sie redeten viel darüber, wie schwierig ihre Fahrt an diesem Abend gewesen war. (Es folgt die Schilderung des Abendessens. -Red.)
Dann wurde Bier hereingetragen, und das war zu Hause gebraut und sehr stark. Bald gab es ein Einzeltrinken, und da sollte immer ein Mann allein jedes Mal ein Trinkhorn leeren; dabei gab man besonders acht auf Egil und seine Gefährten, sie sollten so kräftig wie möglich trinken. Egil trank zuerst eine lange Weile fest und hielt sich nicht zurück; und als seine Fahrtgenossen unfähig wurden zu trinken, da trank er das an ihrer Stelle, was sie nicht mehr bewältigen konnten.
Das ging so weiter, bis man die Tische abtrug. Da waren auch alle, die drinnen waren, sehr betrunken; aber bei jedem vollen Horn, das Armod trank, sagte er: "Ich trinke dir zu, Egil", und die Hausleute tranken Egils Fahrtgenossen zu und brauchten die gleichen Worte. Ein Mann war beauftragt, Egil und seinen Männern immer wieder ein volles Horn zu bringen, und er forderte sie ständig auf, rasch zu trinken. Egil sagte da seinen Fahrtgenossen, sie sollten nicht mehr weitertrinken, er aber trank für sie alles, was sie nicht auf andere Weise beseitigen konnten.
Egil fand nun, dass er es so nicht mehr bewältigen würde; da stand er auf und ging quer durch den Raum, dorthin wo Armod saß; er fasste ihn mit den Händen bei den Schultern und drückte ihn gegen die Pfosten an der Rückseite seines Sitzes. Dann erbrach sich Egil gewaltig und spie Armod alles ins Gesicht, in die Augen und in die Nase und in den Mund, es rann ihm über die Brust herunter, und Armod verlor fast den Atem, und als er wieder Luft bekam, musste auch er gewaltig speien. Aber alle Hausleute Armods, die dabei waren, sagten, Egil könnte man doch den niederträchtigsten aller Menschen heißen und er wäre ein ganz erbärmlicher Mann, wenn er sich so aufführe, dass er nicht hinausging, wenn er speien wollte, und dass er hier drinnen in der Halle beim Trinken solches Ärgernis erregte.
Egil sagte: "Man soll mir deshalb keine Vorwürfe machen; ich mache es so, wie es auch der Bauer macht - er hat auch mit aller Kraft gespieen, nicht weniger als ich." Dann ging Egil zu seinem Platz und setzte sich nieder und bat, ihm zu trinken zu geben (…)
Egil trank so eine Weile und leerte jedes Horn, das zu ihm kam, aber es war nur noch wenig Heiterkeit in der Stube, obgleich noch einige Männer tranken. Dann steht Egil auf und mit ihm seine Fahrtgenossen auch, und sie nehmen ihre Waffen von den Wänden, wo sie sie aufgehängt hatten. Dann gehen sie zu der Kornscheune, in der ihre Pferde waren. Sie legten sich dort im Stroh nieder und schliefen die Nacht hindurch.

Aus: "Egils Saga. Die Saga von Egil Skalla-Grimsson". Herausgegeben und aus dem Altisländischen übersetzt von Kurt Schier. Diederichs Verlag, München.

Weitere Infos dazu: http://wikinger.org/sagas/egils-saga/
avatar
heiko

Anzahl der Beiträge : 89
Anmeldedatum : 20.04.14

Nach oben Nach unten

Re: Wikinger: Trinkgelage

Beitrag von heiko am 31/7/2014, 18:44

hier auch ein Text der sich meiner Meinung nach gut für unser Rollenspiel verwenden lässt:

Wie in vielen Kulturen unterlag das Trinken in der Wikingerzeit gewissen Regeln und konnte in verschiedenen Formen durchgeführt werden. Bei Gemeinschaftsumtrünken (sveitardrykkjur) wurde ein Trinkhorn oder Becher im Kreis herumgereicht, aus dem alle nacheinander tranken. Beim Zweiertrinken (tvímenningr), auch “Zurhälftetrinken” (drekka til hálfs) genannt, tranken zwei Personen miteinander aus einem Gefäß. Beim Einzeltrinken (einmenningr) hingegen, sozusagen der härtesten Stufe, leerte jeder Beteiligte ein ganzes Horn. Dass es bei “unehrlichem” Trinken dabei leicht zu Streitigkeiten kommen konnte, ist anzunehmen und literarisch häufig erwähnt. Als besonders ehrenvoll galt es offenbar, sich vor dem Trinken zu erheben, auf den auf der anderen Längsbank gegenüber sitzenden Trinkpartner bis zum Feuer in der Mitte des Raumes zuzugehen und ihm von dort aus zuzutrinken. Die ausführlichsten Beschreibungen wikingerzeitlicher Gelage liefert übrigens die Saga von Egil Skalla-Grimsson (Egils saga Skalla-Grímssonar). Sie nennt als Trinkspruch im Übrigen nicht das erst deutlich später in Skandinavien gebräuchlich gewordene skål, sondern schlicht und einfach: “Ich trinke Dir zu, …” (Drekk eg til þín, …)

In den literarischen Texten ab dem 13. Jahrhundert wird gelegentlich auch geschildert, dass vor Beginn des Gelages durch Losentscheid alle anwesenden Männer und Frauen in gemischten Paaren zum gemeinsamen Trinken eingeteilt werden. Die jeweils Überzähligen sollten für sich trinken. Ob dies glaubhaft ist, lässt sich schwer beurteilen. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedenfalls eine Episode aus der bereits erwähnten Ynglinga saga, derzufolge es unter Wikingern nicht üblich gewesen sein soll, zusammen mit Frauen zu trinken:

“Und am Abend, wenn volle Becher (full) getrunken werden sollten, war es Brauch von Königen, die auf ihren Ländereien saßen oder bei Gastmählern, die sie ausrichten ließen, dass am Abend paarweise (tvímenningr) getrunken werden sollte, je ein Mann und eine Frau, soweit es aufging, die aber für sich, für die es nicht aufging. Es waren aber Wikingergesetze (víkinga lög), dass sie, wenn sie bei Gelagen waren, alle gemeinsam tranken (sveitardrykkja).

König Hjörvards Ehrenplatz war dem König Granmars gegenüber errichtet, und alle seine Männer saßen auf dieser Bank. Da sprach König Granmarr zu seiner Tochter Hildigunn, dass sie sich bereit machen und den Wikingern Bier bringen solle. Sie war eine sehr schöne Frau. Daraufhin nahm sie einen Silberkelch, füllte ihn, trat vor König Hjörvard und sprach: ‘Seid willkommen alle Ynglingar, zum Gedächtnis an Hrolf Kraki.’ Sie trank die Hälfte und gab den Kelch König Hjörvard. Er nahm ihn und zugleich ihre Hand und sprach, dass sie kommen und bei ihm sitzen solle. Sei sagte, es sei nicht Wikingersitte (víkinga sið) mit Frauen paarweise (tvímenningr) zu trinken. Hjörvard meinte, es sei davon auszugehen, dass er Veränderung durchführen werde und lieber die Wikingergesetze sein lassen und paarweise mit ihr trinken werde. Daraufhin setzte sich Hildigunn zu ihm, sie tranken zu zweit miteinander und redeten viel während des Abends.”
avatar
heiko

Anzahl der Beiträge : 89
Anmeldedatum : 20.04.14

Nach oben Nach unten

Re: Wikinger: Trinkgelage

Beitrag von upendo am 5/8/2014, 18:11

Lieber Heiko, danke für die ausführliche Text wiedergabe, dass wir es alles selber lesen können etc. Ich werde bei Gelgenheit (je nachdem wies mit den diversen Arbeiten läuft) spätestens nächste Woche ergänzen (da find ich hoffentlich auch die Textpassagen zu anderen Drogen wieder...)

upendo

Anzahl der Beiträge : 62
Anmeldedatum : 17.04.14

Nach oben Nach unten

Re: Wikinger: Trinkgelage

Beitrag von Gesponserte Inhalte


Gesponserte Inhalte


Nach oben Nach unten

Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten